Kamillenöl Wirkung – Wissenschaftliche Einordnung von Römischer und Echter Kamille

Kamillenöl Wirkung – Wissenschaftliche Einordnung von Römischer und Echter Kamille

Inhaltsverzeichnis

Kamillenöl kurz erklärt

Kamillenöl bezeichnet vor allem die ätherischen Öle der Römischen Kamille (Chamaemelum nobile) und der Echten Kamille (Matricaria chamomilla, auch Matricaria recutita). Obwohl beide Pflanzen zur Familie der Korbblütler (Asteraceae) gehören, unterscheiden sich ihre ätherischen Öle in ihrer chemischen Zusammensetzung und damit auch in ihren charakteristischen Eigenschaften.

Das ätherische Öl der Echten Kamille ist insbesondere für seine intensiv blaue Färbung bekannt, die auf den Inhaltsstoff Chamazulen zurückzuführen ist. Weitere wichtige Bestandteile sind unter anderem α-Bisabolol und Bisabololoxide. Das Öl der Römischen Kamille weist dagegen ein anderes Inhaltsstoffprofil auf und enthält unter anderem verschiedene Esterverbindungen.

Beide Kamillenarten werden traditionell in der Aromatherapie, Parfümerie und kosmetischen Hautpflege verwendet. Die wissenschaftliche Forschung untersucht ihre ätherischen Öle unter anderem hinsichtlich antioxidativer, antimikrobieller und entzündungsbezogener Eigenschaften. Darüber hinaus wurden Untersuchungen zu schmerzbezogenen Fragestellungen, Hautreaktionen, Parasiten und verschiedenen weiteren biologischen Wirkungen durchgeführt.

Bei der wissenschaftlichen Bewertung ist allerdings wichtig, zwischen den beiden Kamillenarten und zwischen den verschiedenen Studientypen zu unterscheiden. Ein Teil der Forschung stammt aus Laboruntersuchungen oder Tiermodellen, während für einzelne Fragestellungen auch Untersuchungen am Menschen vorliegen.

Einleitung

Kamille gehört seit Jahrhunderten zu den bekannten aromatischen Pflanzen der traditionellen Pflanzenkunde. Dabei werden insbesondere die Echte Kamille und die Römische Kamille verwendet. Ihre ätherischen Öle sind jedoch nicht identisch: Die unterschiedliche Zusammensetzung führt zu charakteristischen Duftprofilen und unterschiedlichen Ergebnissen in wissenschaftlichen Untersuchungen.

In den vergangenen Jahren wurde die biologische Aktivität von Kamillenölen in zahlreichen Studien untersucht. Dabei reichen die Forschungsansätze von In-vitro-Untersuchungen zu antioxidativen und antimikrobiellen Eigenschaften über tierexperimentelle Modelle bis hin zu einzelnen klinischen Untersuchungen. Besonders häufig beschäftigt sich die Forschung mit den Inhaltsstoffen Chamazulen, α-Bisabolol und verschiedenen Bisabololoxiden.

Welche Eigenschaften tatsächlich auf das ätherische Öl übertragen werden können, hängt dabei stark von der jeweiligen Studie ab. Ergebnisse aus Zellkulturen oder mikrobiologischen Tests lassen sich beispielsweise nicht unmittelbar auf die Anwendung beim Menschen übertragen. Auch bei Untersuchungen mit Kamillenextrakten ist zu berücksichtigen, dass deren Zusammensetzung nicht zwangsläufig derjenigen eines ätherischen Öls entspricht.

Im Folgenden werden die wichtigsten Forschungsbereiche zu Römischer und Echter Kamille betrachtet und hinsichtlich ihrer wissenschaftlichen Aussagekraft eingeordnet.

Kamillenöl blau EU-bio

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Das klassische blaue Kamillenöl aus kontrolliert biologischem Anbau. Sein charakteristischer, intensiv krautig-würziger Duft und die typische blaue Farbe machen es zu einem besonderen Klassiker unter den Kamillenölen.

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Für was ist Kamillenöl gut?

Kamillenöl wird traditionell vor allem wegen seines charakteristischen Duftes und seiner vielseitigen Einsatzmöglichkeiten in der Aromatherapie und Hautpflege geschätzt. Wissenschaftlich untersucht wurden sowohl das Öl der Römischen Kamille (Chamaemelum nobile) als auch das der Echten Kamille (Matricaria chamomilla).

Die Forschung beschäftigt sich dabei unter anderem mit folgenden Eigenschaften:

  • Antioxidative Eigenschaften: Untersuchungen zeigen, dass insbesondere Inhaltsstoffe der Echten Kamille zur Abfangung freier Radikale beitragen können.

  • Antimikrobielle und antifungale Eigenschaften: Beide Kamillenöle wurden in Laboruntersuchungen auf ihre Aktivität gegenüber verschiedenen Bakterien und Pilzen untersucht.

  • Entzündungsbezogene Eigenschaften: Verschiedene In-vitro- und Tierstudien untersuchen den Einfluss von Kamillenöl und einzelnen Inhaltsstoffen auf entzündungsbezogene Prozesse.

  • Schmerzbezogene Untersuchungen: Sowohl für die Römische als auch für die Echte Kamille liegen präklinische Untersuchungen und teilweise Studien am Menschen zu schmerzbezogenen Fragestellungen vor.

  • Hautbezogene Forschung: Untersucht wurden unter anderem antioxidative Eigenschaften, Enzymaktivitäten und die Wechselwirkung mit UV-Strahlung unter Laborbedingungen.

  • Antiparasitäre Eigenschaften: Vor allem das Öl der Echten Kamille wurde auf seine Wirkung gegenüber verschiedenen Parasiten untersucht.

  • Insektizide und repellierende Eigenschaften: Für die Römische Kamille gibt es Untersuchungen zur Wirkung gegenüber verschiedenen Insekten und Schädlingen.

  • Weitere biologische Eigenschaften: Forschungsarbeiten beschäftigen sich unter anderem mit neurologischen, gastrointestinalen und zellbiologischen Effekten.

Einordnung

Die genannten Forschungsbereiche zeigen die große Bandbreite der Untersuchungen zu Kamillenöl. Die Ergebnisse stammen jedoch aus unterschiedlichen Versuchsmodellen und sind deshalb nicht unmittelbar miteinander vergleichbar. In-vitro-Ergebnisse oder Untersuchungen an Tieren liefern Hinweise auf mögliche biologische Eigenschaften, stellen aber keinen Nachweis einer entsprechenden Wirkung beim Menschen dar.

Die folgenden Abschnitte betrachten deshalb die einzelnen Forschungsbereiche getrennt und unterscheiden, soweit möglich, zwischen Römischer und Echter Kamille sowie zwischen Labor-, Tier- und Humanstudien.

 

Kamillenöl und Schmerzen: Analgetische Untersuchungen

Sowohl die Römische als auch die Echte Kamille wurden in unterschiedlichen Forschungsmodellen im Zusammenhang mit schmerzbezogenen Prozessen untersucht. Dabei stammen die Ergebnisse aus verschiedenen Bereichen – von experimentellen Tiermodellen bis hin zu klinischen Untersuchungen am Menschen.

Römische Kamille: Untersuchungen im Tiermodell

Für das ätherische Öl der Römischen Kamille (Chamaemelum nobile) wurden schmerzbezogene Eigenschaften unter anderem in Untersuchungen mit Nagetieren untersucht. In einer Studie führte die orale Verabreichung von 180 mg/kg ätherischem Öl zu einer signifikanten Verringerung der Reaktionen auf thermische und chemisch ausgelöste Schmerzreize. Verwendet wurden dabei unter anderem der Tail-Flick-Test und der Formalin-Test.

Im Formalin-Test zeigte sich insbesondere in der späteren, entzündungsbezogenen Phase eine deutliche Verringerung des schmerzbezogenen Verhaltens. Die Hemmung lag bei rund 63% und war in diesem Versuchsmodell stärker ausgeprägt als unter der Vergleichsbehandlung mit Ibuprofen. Auch in der frühen Phase des Formalin-Tests wurde eine Wirkung beobachtet. Die Autoren diskutierten daher unter anderem einen möglichen Einfluss auf die Weiterleitung von Schmerzsignalen über periphere Nervenfasern (Aremu et al., 2018).

In derselben Untersuchung wurde außerdem ein entzündungsbezogenes Tiermodell verwendet. Hier reduzierte das ätherische Öl der Römischen Kamille die Entwicklung eines durch einen Entzündungsreiz ausgelösten Pfotenödems über mehrere Stunden.

Echte Kamille: Klinische und präklinische Untersuchungen

Auch die Echte Kamille (Matricaria chamomilla bzw. M. recutita) wurde in verschiedenen Studien hinsichtlich schmerzbezogener Fragestellungen untersucht. Dabei wurden unter anderem äußerliche Anwendungen bei Kniearthrose, Migräne ohne Aura, postoperativen Schmerzen und Menstruationsbeschwerden untersucht.

Eine Übersicht der verfügbaren Forschung beschreibt beispielsweise Untersuchungen, bei denen eine äußerliche Anwendung eines Kamillenpräparats bei Kniearthrose mit einer geringeren Einnahme von Schmerzmitteln verbunden war. Auch ein topisch angewendetes Oleogel mit Kamillenöl wurde bei Migräne ohne Aura untersucht. Weitere Untersuchungen beschäftigten sich mit postoperativen Schmerzen und Dysmenorrhoe (El Mihyaoui et al., 2022).

Dabei ist jedoch eine genaue Betrachtung der jeweiligen Präparate wichtig. Nicht jede Untersuchung verwendete ausschließlich ätherisches Kamillenöl; teilweise kamen Extrakte oder kombinierte Zubereitungen zum Einsatz. Die Ergebnisse dieser Studien können deshalb nicht pauschal auf jedes Kamillenöl übertragen werden.

Einordnung

Die bisherigen Forschungsergebnisse liefern Hinweise darauf, dass Bestandteile beziehungsweise Zubereitungen aus beiden Kamillenarten schmerzbezogene Prozesse beeinflussen können. Für die Römische Kamille stammen wesentliche Ergebnisse aus experimentellen Tiermodellen, während für die Echte Kamille zusätzlich Untersuchungen am Menschen vorliegen.

Aus den Ergebnissen lässt sich jedoch keine allgemeingültige Aussage über eine schmerzlindernde Wirkung von Kamillenöl beim Menschen ableiten. Entscheidend sind unter anderem die verwendete Kamillenart, die Zusammensetzung des Öls, die Darreichungsform und die jeweilige Dosierung. Insbesondere Ergebnisse aus Tiermodellen sind zunächst als präklinische Forschung einzuordnen.

 

Entzündungsbezogene Eigenschaften von Kamillenöl

Entzündungsprozesse gehören zu den am häufigsten untersuchten biologischen Eigenschaften von Kamillenöl. Sowohl für die Römische Kamille (Chamaemelum nobile) als auch für die Echte Kamille (Matricaria chamomilla) wurden verschiedene Versuchsmodelle eingesetzt. Die Forschung reicht dabei von einfachen In-vitro-Tests bis zu Untersuchungen an Tieren und der Analyse einzelner entzündungsbezogener Signalwege.

Untersuchungen zur Römischen Kamille

Das ätherische Öl der Römischen Kamille wurde unter anderem in einem Tiermodell untersucht, bei dem die Entwicklung eines Pfotenödems als Maß für eine lokale Entzündungsreaktion diente. Nach oraler Gabe von 180 mg/kg ätherischem Öl zeigte sich über den Untersuchungszeitraum von einer bis fünf Stunden eine verringerte Schwellung. Die beobachtete Veränderung war in diesem Modell mit der Wirkung der eingesetzten Vergleichssubstanz Ibuprofen vergleichbar (Aremu et al., 2018).

Die gleiche Untersuchung zeigte auch schmerzbezogene Effekte im Formalin-Test. Dies ist insofern relevant, als Schmerz und Entzündungsprozesse biologisch miteinander verbunden sind, die beiden Beobachtungen jedoch nicht gleichgesetzt werden sollten.

Auch außerhalb von Tiermodellen wurde das Öl der Römischen Kamille auf entzündungsbezogene Eigenschaften untersucht. In einem In-vitro-Test zur Protein-Denaturierung zeigte das Öl eine Hemmung von etwa 78,7–78,8%. Dieser Wert lag in dem untersuchten Modell in einem ähnlichen Bereich wie die Vergleichssubstanz Prednisolon mit 78,1% (Batovska et al., 2025).

Echte Kamille und entzündungsbezogene Enzyme

Für das ätherische Öl der Echten Kamille wurden unter anderem die Enzyme Cyclooxygenase-1 (COX-1), Cyclooxygenase-2 (COX-2) und 5-Lipoxygenase (5-LOX) untersucht. Diese Enzyme sind an der Bildung verschiedener Botenstoffe beteiligt, die bei Entzündungsprozessen eine Rolle spielen.

In einer In-vitro-Untersuchung zeigte das Kamillenöl eine stärkere Hemmung von COX-2 als von COX-1. Für COX-2 wurde eine IC₅₀ von 11,83 µg/ml bestimmt, während der entsprechende Wert für COX-1 bei 39,05 µg/ml lag. Zusätzlich wurde eine Hemmung der 5-LOX-Aktivität von 94,6% beobachtet (Biltekin et al., 2023).

Solche Enzymtests können Hinweise darauf liefern, welche molekularen Mechanismen für die beobachteten Eigenschaften eines Pflanzenöls verantwortlich sein könnten. Eine Hemmung eines Enzyms unter kontrollierten Laborbedingungen bedeutet jedoch nicht automatisch, dass derselbe Effekt auch nach einer Anwendung beim Menschen auftritt.

Einfluss auf entzündungsbezogene Botenstoffe

Weitere Untersuchungen mit dem Öl der Echten Kamille beschäftigten sich mit verschiedenen entzündungsbezogenen Mediatoren. Dabei wurden unter anderem Prostaglandin E2 (PGE2), Stickstoffmonoxid (NO), TNF-α und IL-6 untersucht. In den jeweiligen experimentellen Modellen führte die Behandlung mit Kamillenöl zu einer Verringerung dieser Faktoren (Chen et al., 2024).

Auch mögliche Signalwege wurden untersucht. So wurden Veränderungen in Signalwegen wie PI3K/Akt/mTOR und p38MAPK im Zusammenhang mit entzündlichen Hautmodellen beschrieben (Chen et al., 2024). Diese Ergebnisse sind vor allem für die Grundlagenforschung interessant, da sie mögliche molekulare Ansatzpunkte für die beobachteten Effekte aufzeigen.

Einordnung

Die verschiedenen Untersuchungen zeigen, dass sowohl Römische als auch Echte Kamille in unterschiedlichen experimentellen Modellen entzündungsbezogene Prozesse beeinflussen können. Besonders umfangreich sind dabei die In-vitro-Untersuchungen zu Enzymen und Entzündungsmediatoren sowie einzelne Tiermodelle.

Die teilweise hohen Hemmwerte aus Laboruntersuchungen sollten allerdings nicht mit einer entsprechenden Wirkung eines Kamillenöls beim Menschen gleichgesetzt werden. Die Konzentrationen, Aufnahmewege und biologischen Bedingungen in einem In-vitro-Test unterscheiden sich deutlich von einer praktischen Anwendung. Für die Bewertung einer möglichen Wirkung beim Menschen sind deshalb kontrollierte klinische Untersuchungen entscheidend.

 

Antioxidative Eigenschaften von Kamillenöl

Oxidativer Stress und die dabei entstehenden freien Radikale sind ein weiterer Forschungsbereich, in dem die ätherischen Öle verschiedener Kamillenarten untersucht wurden. Dabei zeigen sich Unterschiede zwischen der Römischen Kamille (Chamaemelum nobile) und der Echten Kamille (Matricaria chamomilla).

Echte Kamille mit höherer antioxidativer Aktivität

In vergleichenden Untersuchungen zeigte das ätherische Öl der Echten Kamille insgesamt eine stärkere antioxidative Aktivität als das Öl der Römischen Kamille. Die Ergebnisse wurden unter anderem mit verschiedenen etablierten Labormethoden zur Bestimmung der Radikalfängeraktivität ermittelt (Batovska et al., 2025).

Als besonders relevant für diese Eigenschaften werden verschiedene Inhaltsstoffe des Kamillenöls diskutiert. Dazu gehören insbesondere Chamazulen sowie α-Bisabolol und Bisabololoxide. Diese Verbindungen zeigten in Untersuchungen mit den Testsystemen DPPH und ABTS eine ausgeprägte Fähigkeit, freie Radikale abzufangen (Batovska et al., 2025; Fırat et al., 2018).

Das antioxidative Potenzial der Echten Kamille lässt sich damit nicht auf einen einzelnen Inhaltsstoff reduzieren. Vielmehr dürfte die jeweilige Zusammensetzung des ätherischen Öls eine wichtige Rolle spielen. Diese kann wiederum abhängig von Pflanzenmaterial, Herkunft und Gewinnungsverfahren variieren.

Römische Kamille: moderatere, konzentrationsabhängige Aktivität

Auch das ätherische Öl der Römischen Kamille zeigte in verschiedenen Untersuchungen antioxidative Eigenschaften. Die Aktivität war dabei unter anderem von der eingesetzten Konzentration abhängig. In einem DPPH-Test wurde beispielsweise ein IC₅₀-Wert von 135,8 µg/ml bestimmt (Batovska et al., 2025; El-Assri et al., 2025).

Im Vergleich zur Echten Kamille fiel die antioxidative Aktivität der Römischen Kamille in einigen Untersuchungen geringer aus. Als mögliche Erklärung wird die unterschiedliche chemische Zusammensetzung der beiden Öle diskutiert. Verschiedene Ester, die im Öl der Römischen Kamille einen größeren Anteil ausmachen können, weisen nicht dieselben Radikalfänger-Eigenschaften auf wie bestimmte phenolische Verbindungen oder einige Sesquiterpene.

Was bedeuten die antioxidativen Ergebnisse?

Antioxidative Eigenschaften werden bei ätherischen Ölen häufig mithilfe chemischer Testsysteme untersucht. Dabei wird beispielsweise gemessen, wie effektiv ein Öl oder ein einzelner Inhaltsstoff definierte freie Radikale unter kontrollierten Laborbedingungen abfangen kann.

Solche Tests sind hilfreich, um das chemische und biologische Potenzial eines Stoffes zu charakterisieren. Sie erlauben jedoch keine direkte Aussage darüber, wie stark ein ätherisches Öl nach einer Anwendung am Menschen oxidativen Stress im Körper beeinflusst. Insbesondere sind die in den Tests verwendeten Konzentrationen nicht ohne Weiteres mit Konzentrationen bei einer kosmetischen oder aromatherapeutischen Anwendung vergleichbar.

Einordnung

Die bisherige Forschung deutet darauf hin, dass beide Kamillenöle antioxidative Eigenschaften besitzen können, wobei die Echte Kamille in mehreren Vergleichsuntersuchungen eine stärkere Aktivität zeigte als die Römische Kamille. Als wichtige Faktoren werden dabei unter anderem Chamazulen, α-Bisabolol und Bisabololoxide diskutiert.

Die Ergebnisse sind jedoch in erster Linie als laborbasierte Hinweise auf das antioxidative Potenzial der Öle zu verstehen. Ob und in welchem Umfang diese Eigenschaften bei einer praktischen Anwendung relevant sind, lässt sich aus chemischen Radikalfänger-Tests allein nicht ableiten.

 

Antimikrobielle und antifungale Eigenschaften von Kamillenöl

Die antimikrobiellen Eigenschaften von Kamillenöl gehören zu den am häufigsten untersuchten Bereichen der Grundlagenforschung. Sowohl das ätherische Öl der Echten Kamille (Matricaria chamomilla) als auch das der Römischen Kamille (Chamaemelum nobile) wurde in verschiedenen Laboruntersuchungen auf seine Aktivität gegenüber Bakterien und Pilzen getestet.

Echte Kamille: Wirkung gegen Bakterien und Pilze

Für das ätherische Öl der Echten Kamille wurden in mikrobiologischen Untersuchungen deutliche Unterschiede zwischen verschiedenen Mikroorganismen beobachtet. Besonders ausgeprägt war die Aktivität in einigen Studien gegenüber grampositiven Bakterien.

Dazu gehören beispielsweise Staphylococcus aureus, Bacillus cereus und Listeria monocytogenes. Für S. aureus wurden in einer Untersuchung Hemmhöfe von bis zu 40 mm gemessen. Auch gegenüber verschiedenen weiteren Bakterien wurden hemmende Effekte beobachtet, während die Aktivität gegenüber gramnegativen Bakterien wie Escherichia coli teilweise schwächer ausfiel (Stanojevic et al., 2016; El Mihyaoui et al., 2022).

Nicht alle Bakterien reagierten jedoch gleichermaßen empfindlich. Gegenüber Pseudomonas aeruginosa zeigte das ätherische Öl in einzelnen Untersuchungen beispielsweise keine beziehungsweise nur eine geringe Aktivität (Stanojevic et al., 2016).

Auch Pilze wurden untersucht. Unter anderem wurde eine hemmende Wirkung gegenüber Candida albicans beschrieben. Die Stärke des Effekts war dabei abhängig von der untersuchten Konzentration und den jeweiligen Versuchsbedingungen.

Römische Kamille: antibakterielle und antifungale Untersuchungen

Auch das ätherische Öl der Römischen Kamille wurde auf seine antimikrobiellen Eigenschaften untersucht. Dazu gehören beispielsweise Untersuchungen gegenüber dem oralen Krankheitserreger Porphyromonas gingivalis sowie gegenüber Staphylococcus epidermidis (Al-Snafi, 2016; Sharafzadeh & Alizadeh, 2011; Ailli et al., 2023).

Darüber hinaus wurden antifungale Eigenschaften gegenüber verschiedenen Schimmelpilzen untersucht. Beispielsweise zeigte das Öl in Laboruntersuchungen Aktivität gegenüber Aspergillus flavus (El-Assri et al., 2025; Batovska et al., 2025).

Die Unterschiede zwischen den Ergebnissen verschiedener Studien zeigen allerdings, dass die antimikrobielle Aktivität nicht allein von der Pflanzenart abhängt. Auch die chemische Zusammensetzung des jeweiligen Öls, die Konzentration, das untersuchte Mikroorganismus und die verwendete Testmethode können das Ergebnis erheblich beeinflussen.

Einfluss auf Biofilme

Neben dem direkten Wachstum von Bakterien wurde bei der Echten Kamille auch der Einfluss auf Biofilme untersucht. Biofilme sind strukturierte Gemeinschaften von Mikroorganismen, die von einer selbst gebildeten Matrix umgeben sind.

In Untersuchungen mit Pseudomonas aeruginosa konnte Kamillenöl unter bestimmten Bedingungen die Bildung von Biofilmen und die Produktion des Polysaccharids Alginate reduzieren. Interessanterweise wurden solche Effekte auch dann beobachtet, wenn in klassischen Agar-Diffusionstests keine ausgeprägte Wachstumshemmung festgestellt wurde (El Mihyaoui et al., 2022).

Das zeigt, dass die biologische Aktivität eines ätherischen Öls nicht ausschließlich über die direkte Abtötung oder Hemmung von Mikroorganismen beurteilt werden kann. Verschiedene Prozesse innerhalb der mikrobiellen Gemeinschaft können ebenfalls beeinflusst werden.

Einordnung

Die Laborforschung liefert für beide Kamillenarten Hinweise auf antibakterielle und antifungale Eigenschaften. Dabei reagieren verschiedene Mikroorganismen unterschiedlich empfindlich. Besonders bei der Echten Kamille wurden Effekte gegenüber mehreren grampositiven Bakterien und einzelnen Pilzen untersucht.

Die Ergebnisse stammen jedoch überwiegend aus In-vitro-Experimenten. Ein Hemmhof in einer mikrobiologischen Kultur bedeutet nicht automatisch, dass eine entsprechende Wirkung bei einer Anwendung auf Haut oder Schleimhaut erreicht wird. Entscheidend sind unter anderem die tatsächlich erreichbare Konzentration, die Formulierung, die Einwirkzeit und die jeweilige Anwendungssituation.

Kamillenöl sollte daher nicht allein aufgrund von Laborergebnissen als Ersatz für etablierte antimikrobielle oder antifungale Behandlungsmethoden betrachtet werden.

 

Kamillenöl in der Hautforschung: Enzymhemmung und UV-Absorption

Neben den antimikrobiellen und antioxidativen Eigenschaften wurde Kamillenöl auch im Zusammenhang mit verschiedenen hautbezogenen Fragestellungen untersucht. Dazu gehören unter anderem die Hemmung bestimmter Enzyme und die Fähigkeit, ultraviolette Strahlung unter Laborbedingungen zu absorbieren.

Enzymhemmung und kosmetische Forschung

Bei Untersuchungen zu ätherischen Ölen werden unter anderem Enzyme betrachtet, die an verschiedenen biologischen Prozessen beteiligt sind. Für das Öl der Echten Kamille wurden beispielsweise Hemmwirkungen auf mehrere Enzymsysteme untersucht. Die Ergebnisse können Hinweise darauf liefern, welche Inhaltsstoffe für bestimmte biologische Aktivitäten verantwortlich sein könnten.

Dabei ist jedoch zwischen einem biochemischen Labortest und einer tatsächlichen kosmetischen Wirkung auf der Haut zu unterscheiden. Ein Enzym kann in einer definierten Versuchslösung deutlich gehemmt werden, obwohl bei einer kosmetischen Anwendung aufgrund von Konzentration, Hautbarriere und Formulierung ein ganz anderer Effekt auftritt.

Für die kosmetische Forschung sind solche Untersuchungen deshalb vor allem als Ausgangspunkt interessant, um die Eigenschaften einzelner Inhaltsstoffe und ätherischer Öle weiter zu untersuchen.

UV-Absorption und berechneter Lichtschutzfaktor

Ein weiterer Forschungsansatz beschäftigt sich mit der Fähigkeit von Kamillenölen, ultraviolette Strahlung zu absorbieren. In einer spektrophotometrischen Untersuchung zeigte das ätherische Öl der Echten Kamille eine vergleichsweise starke Absorption im untersuchten UV-Bereich. Daraus wurde ein theoretischer beziehungsweise in vitro berechneter SPF-Wert von etwa 6,55 bis 26,56 abgeleitet. Für die Römische Kamille wurden Werte zwischen 1,11 und 15,65 ermittelt (Batovska et al., 2025).

Die Untersuchung weist außerdem auf eine Absorption sowohl im UVA- als auch im UVB-Bereich hin. Die Unterschiede zwischen den beiden Kamillenarten wurden dabei unter anderem mit ihrer unterschiedlichen chemischen Zusammensetzung in Verbindung gebracht.

Warum ein berechneter SPF nicht mit Sonnenschutz gleichzusetzen ist

Die genannten Werte sollten jedoch nicht mit dem Lichtschutzfaktor eines geprüften Sonnenschutzmittels gleichgesetzt werden. Ein spektrophotometrisch ermittelter oder berechneter SPF beschreibt zunächst das Verhalten des untersuchten Materials unter den jeweiligen Laborbedingungen.

Für einen wirksamen Sonnenschutz sind dagegen unter anderem die tatsächlich auf der Haut erreichbare Konzentration, die gleichmäßige Verteilung, die Stabilität des Produkts sowie das Verhalten bei realer UV-Exposition entscheidend. Außerdem muss ein Sonnenschutzprodukt definierte Anforderungen an den Schutz vor UVA- und UVB-Strahlung erfüllen.

Kamillenöl kann daher aufgrund dieser Laborergebnisse nicht als Ersatz für ein geprüftes Sonnenschutzmittel betrachtet werden.

Einordnung

Die hautbezogene Forschung zeigt interessante Eigenschaften von Kamillenöl, insbesondere im Bereich der Enzymaktivität und der UV-Absorption. Die Ergebnisse sind vor allem für die kosmetische und pharmakologische Grundlagenforschung relevant.

Der bei der Echten Kamille gemessene beziehungsweise berechnete SPF-Wert ist dabei ein interessantes Laborergebnis, stellt aber keinen Nachweis einer ausreichenden Sonnenschutzwirkung beim Menschen dar. Für praktische Anwendungen sind entsprechend geprüfte und formulierte Sonnenschutzprodukte erforderlich.

 

Enzymwechselwirkungen und Sicherheitsforschung

Neben den antioxidativen und antimikrobiellen Eigenschaften wurde die Echte Kamille (Matricaria chamomilla) auch hinsichtlich möglicher Wechselwirkungen mit Enzymen des menschlichen Stoffwechsels untersucht. Für die Römische Kamille (Chamaemelum nobile) liegen außerdem Untersuchungen zur akuten Toxizität im Tiermodell vor.

Einfluss auf Cytochrom-P450-Enzyme

Ein Forschungsbereich betrifft die Wechselwirkung von Kamillenöl mit Enzymen der Cytochrom-P450-Familie. Diese Enzyme spielen eine wichtige Rolle beim Abbau und der Umwandlung zahlreicher Stoffe im menschlichen Körper, darunter auch verschiedene Arzneimittel.

In einer Untersuchung zeigte das ätherische Öl der Echten Kamille eine Hemmung mehrerer menschlicher Cytochrom-P450-Enzyme. Besonders untersucht wurden CYP1A2, CYP2C9 und CYP3A4 (Ganzera et al., 2006; Sharafzadeh & Alizadeh, 2011).

Solche Ergebnisse sind für die pharmakologische Grundlagenforschung relevant, da eine Beeinflussung dieser Enzyme theoretisch die Verstoffwechselung anderer Substanzen verändern kann. Eine in vitro beobachtete Enzymhemmung bedeutet allerdings nicht automatisch, dass bei einer praktischen Anwendung von Kamillenöl eine klinisch relevante Wechselwirkung auftritt.

Für die tatsächliche Bedeutung einer solchen Wechselwirkung sind unter anderem die aufgenommene Menge, der Aufnahmeweg, die Bioverfügbarkeit der einzelnen Inhaltsstoffe und die im Körper erreichten Konzentrationen entscheidend.

Untersuchungen zur akuten Toxizität der Römischen Kamille

Für das ätherische Öl der Römischen Kamille (Chamaemelum nobile) liegen außerdem Untersuchungen zur akuten oralen Toxizität im Tiermodell vor. In einer Studie an Mäusen lag die ermittelte LD₅₀ bei mindestens 5000 mg/kg Körpergewicht (Aremu et al., 2018).

Eine solche Untersuchung kann Hinweise auf die akute Toxizität unter den jeweiligen Versuchsbedingungen liefern. Der ermittelte Wert lässt sich jedoch nicht direkt auf eine sichere Dosierung beim Menschen übertragen. Außerdem erlaubt eine Untersuchung zur akuten Toxizität keine Aussage über mögliche Auswirkungen einer langfristigen oder wiederholten Anwendung.

Einordnung

Die Untersuchungen zu Cytochrom-P450-Enzymen zeigen, dass Inhaltsstoffe der Echten Kamille mit wichtigen Stoffwechselenzymen interagieren können. Da diese Enzyme auch am Abbau verschiedener Arzneimittel beteiligt sind, sind solche Ergebnisse insbesondere für die pharmakologische Grundlagenforschung interessant.

Die bisherige Sicherheitsforschung zur Römischen Kamille liefert zudem Hinweise zur akuten Toxizität im Tiermodell. Aus solchen Untersuchungen lässt sich jedoch keine allgemeine Aussage zur Sicherheit oder optimalen Dosierung beim Menschen ableiten.

 

Antiparasitäre Eigenschaften von Kamillenöl

Auch die mögliche antiparasitäre Aktivität von Kamillenöl wurde in verschiedenen Forschungsarbeiten untersucht. Besonders umfangreiche Untersuchungen liegen für das ätherische Öl der Echten Kamille (Matricaria chamomilla) vor. Dabei wurden sowohl einzelne Parasitenarten als auch isolierte Inhaltsstoffe des Öls untersucht.

Untersuchungen zu Anisakis

Ein interessantes Forschungsgebiet betrifft den Fadenwurm Anisakis, dessen Larven unter anderem in Meeresfischen vorkommen können. In einer In-vitro-Untersuchung wurde das ätherische Öl der Echten Kamille gegen Larven des dritten Entwicklungsstadiums getestet.

Bei einer Konzentration von 125 µg/ml wurde unter den Versuchsbedingungen eine vollständige Abtötung der untersuchten Larven beobachtet. Mikroskopische Untersuchungen zeigten dabei strukturelle Veränderungen unter anderem an der äußeren Körperhülle, den Muskelzellen und dem Verdauungstrakt der Larven (Romero et al., 2012).

Die Untersuchung wurde außerdem in einem Tiermodell fortgeführt. Bei infizierten Ratten führte die Behandlung mit dem untersuchten Kamillenöl zu einer deutlichen Verringerung der durch die Parasiten verursachten Veränderungen im Magen. Während bei der Kontrollgruppe bei 93,3% der Tiere entsprechende Läsionen beobachtet wurden, lag der Anteil in der behandelten Gruppe bei 2,2% (Romero et al., 2012).

Diese Ergebnisse sind vor allem für die Forschung zu pflanzlichen Wirkstoffen gegen Parasiten interessant. Sie lassen sich jedoch nicht unmittelbar auf eine Anwendung von Kamillenöl beim Menschen übertragen.

α-Bisabolol als untersuchter Inhaltsstoff

Auch einzelne Bestandteile des ätherischen Öls wurden untersucht. Dabei zeigte insbesondere α-Bisabolol eine larvizide Aktivität gegenüber Anisakis-Larven unter Laborbedingungen.

Interessanterweise war der isolierte Inhaltsstoff im Tiermodell weniger wirksam als das vollständige ätherische Öl. Dies kann ein Hinweis darauf sein, dass mehrere Inhaltsstoffe des Öls gemeinsam zur beobachteten Aktivität beitragen. Solche möglichen Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Bestandteilen werden in der Naturstoffforschung häufig als synergistische Effekte untersucht (Romero et al., 2012).

Untersuchungen zu Leishmania

Auch gegen Parasiten der Gattung Leishmania wurden Inhaltsstoffe der Echten Kamille untersucht. α-Bisabolol zeigte in Zellkulturversuchen eine Aktivität gegenüber den untersuchten Formen von Leishmania amazonensis und Leishmania infantum. Die ermittelten IC₅₀-Werte lagen bei 10,8 beziehungsweise 10,4 µg/ml. Als möglicher Mechanismus wurde unter anderem die Auslösung apoptoseähnlicher Prozesse bei den Parasiten beschrieben (El Mihyaoui et al., 2022).

Auch diese Ergebnisse stammen aus experimentellen Modellen und sind daher zunächst der Grundlagen- und Wirkstoffforschung zuzuordnen.

Einordnung

Die Untersuchungen zeigen ein interessantes antiparasitäres Potenzial von Kamillenöl und einzelnen Inhaltsstoffen, insbesondere von α-Bisabolol. Die Forschung reicht dabei von direkten Laborversuchen mit Parasiten bis zu Tiermodellen.

Die Ergebnisse sind jedoch kein Nachweis einer antiparasitären Wirkung bei Menschen. Insbesondere die in den Laborversuchen eingesetzten Konzentrationen lassen sich nicht ohne Weiteres mit einer kosmetischen oder aromatherapeutischen Anwendung vergleichen. Für eine praktische medizinische Anwendung wären entsprechend kontrollierte klinische Untersuchungen erforderlich.

 

Insektizide, akarizide und repellierende Eigenschaften

Ätherische Öle werden nicht nur hinsichtlich ihrer möglichen biologischen Eigenschaften beim Menschen untersucht. Aufgrund ihrer zahlreichen flüchtigen Inhaltsstoffe sind sie auch für die Forschung zu natürlichen Schädlingsbekämpfungsmitteln interessant. Für beide Kamillenarten wurden daher Untersuchungen zu insektiziden, akariziden und repellierenden Eigenschaften durchgeführt.

Römische Kamille gegen Insekten

Besonders umfangreich untersucht wurde das ätherische Öl der Römischen Kamille (Chamaemelum nobile). In einer Studie wurde seine Wirkung auf den Kuhbohnenkäfer (Callosobruchus maculatus) untersucht. Bei einer Konzentration von 166 µl/L wurde innerhalb von 48 Stunden eine Mortalität von 100% beobachtet. Zusätzlich zeigte das Öl unter den jeweiligen Versuchsbedingungen eine repellierende Wirkung von etwa 60% (El-Assri et al., 2025).

Auch gegenüber der Gewächshaus-Weißen Fliege (Trialeurodes vaporariorum) wurden deutliche Effekte beschrieben. In einer Untersuchung zeigte das ätherische Öl bereits bei sehr niedrigen Konzentrationen eine hohe Toxizität gegenüber den Nymphen dieser Insekten (Al-Snafi, 2016).

Diese Ergebnisse machen deutlich, dass bestimmte Bestandteile des Kamillenöls auf Insekten biologisch aktiv wirken können. Für die Entwicklung pflanzenbasierter Schädlingsbekämpfungsstrategien sind solche Untersuchungen daher von Interesse.

Echte Kamille und Milben

Auch das ätherische Öl der Echten Kamille (Matricaria chamomilla) wurde hinsichtlich seiner Wirkung auf verschiedene Gliederfüßer untersucht. Dazu gehören unter anderem die Räudemilbe Psoroptes cuniculi und die Spinnmilbe Tetranychus urticae (El Mihyaoui et al., 2022; Singh et al., 2011).

Die untersuchten Öle beziehungsweise Inhaltsstoffe zeigten in den jeweiligen Versuchsmodellen akarizide Eigenschaften. Damit wird Kamillenöl auch in der Forschung zu pflanzlichen Alternativen für die Kontrolle bestimmter Milbenarten betrachtet.

Einordnung

Die insektiziden und akariziden Eigenschaften von Kamillenöl sind vor allem für die Pflanzenschutz- und Schädlingsforschung relevant. Die beobachteten Effekte hängen stark von der Konzentration, der Expositionsdauer, der jeweiligen Tierart und der chemischen Zusammensetzung des Öls ab.

Die Ergebnisse aus diesen Studien lassen sich nicht auf eine entsprechende Wirkung beim Menschen übertragen. Gleichzeitig zeigen sie, dass ätherische Kamillenöle eine Vielzahl biologisch aktiver Inhaltsstoffe enthalten, die nicht nur auf Mikroorganismen, sondern auch auf bestimmte Insekten und Milben einwirken können.

 

Kamillenöl in Landwirtschaft und Lebensmittelkonservierung

Die antimikrobiellen Eigenschaften von Kamillenöl sind nicht nur für die Grundlagenforschung interessant. Verschiedene Studien untersuchen auch, ob ätherische Öle als natürliche Wirkstoffe zur Kontrolle von Mikroorganismen in der Landwirtschaft oder zur Konservierung von Lebensmitteln eingesetzt werden könnten.

Echte Kamille gegen Schimmelpilze

Das ätherische Öl der Echten Kamille (Matricaria chamomilla) wurde unter anderem hinsichtlich seiner Wirkung auf Aspergillus niger untersucht. Dieser Schimmelpilz kann verschiedene pflanzliche und landwirtschaftliche Produkte befallen.

In einer experimentellen Untersuchung hemmte das Kamillenöl sowohl das Wachstum des Pilzes als auch die Bildung von Konidien. Die Wirkung war dabei konzentrationsabhängig. Mikroskopische Untersuchungen deuteten darauf hin, dass das Öl die Durchlässigkeit der Zellmembran beeinflussen und dadurch Veränderungen an den Pilzhyphen auslösen kann (Tolouee et al., 2010).

Die Ergebnisse liefern Hinweise darauf, dass Bestandteile des ätherischen Öls verschiedene Strukturen von Pilzzellen beeinflussen können. Für den praktischen Einsatz als Konservierungsmittel oder Pflanzenschutzmittel wären jedoch weitere Untersuchungen zur Wirksamkeit, Dosierung und Anwendungssicherheit erforderlich.

Römische Kamille gegen einen Pilzkrankheitserreger von Champignons

Auch die Römische Kamille (Chamaemelum nobile) wurde im Zusammenhang mit einem landwirtschaftlich relevanten Erreger untersucht. Dabei stand Pseudomonas tolaasii im Mittelpunkt – ein Bakterium, das bei Zuchtchampignons (Agaricus bisporus) die sogenannte Braunfleckenkrankheit verursachen kann.

Sowohl das ätherische Öl als auch ein Methanolextrakt der Römischen Kamille zeigten in der Untersuchung eine deutliche antibakterielle Aktivität gegenüber P. tolaasii. Als wichtiger Bestandteil wurde unter anderem α-Bisabololoxid A identifiziert, das in dem untersuchten Öl einen Anteil von etwa 58,8% ausmachte (Dezfooli et al., 2012).

Die Untersuchung ist ein Beispiel dafür, dass ätherische Öle nicht nur direkt auf den menschlichen Organismus bezogene Forschungsfragen betreffen. Ihre antimikrobiellen Eigenschaften werden auch im Hinblick auf pflanzliche Rohstoffe, Lebensmittel und landwirtschaftliche Produktionssysteme untersucht.

Einordnung

Die Untersuchungen zu Aspergillus niger und Pseudomonas tolaasii zeigen, dass Kamillenöle unter Laborbedingungen das Wachstum bestimmter pflanzen- und lebensmittelrelevanter Mikroorganismen hemmen können.

Solche Ergebnisse sind insbesondere für die Entwicklung pflanzenbasierter Konservierungs- und Pflanzenschutzstrategien interessant. Sie stellen jedoch noch keinen Nachweis dafür dar, dass Kamillenöl in der praktischen Lebensmittelkonservierung oder im kommerziellen Pflanzenschutz ohne weitere Prüfung eingesetzt werden kann.

 

Fazit: Kamillenöl und aktuelle Forschung

Die wissenschaftliche Forschung zu Kamillenöl zeigt ein breites Spektrum an untersuchten Eigenschaften. Dabei unterscheiden sich die Ergebnisse der Römischen Kamille (Chamaemelum nobile) und der Echten Kamille (Matricaria chamomilla bzw. M. recutita) teilweise deutlich. Grund dafür ist unter anderem ihre unterschiedliche chemische Zusammensetzung.

Für die Echte Kamille wurden zahlreiche Untersuchungen zu antioxidativen, antimikrobiellen und entzündungsbezogenen Eigenschaften durchgeführt. Besonders Inhaltsstoffe wie Chamazulen, α-Bisabolol und Bisabololoxide stehen dabei im Mittelpunkt der Forschung. Auch schmerzbezogene, antiparasitäre und hautbezogene Fragestellungen wurden in verschiedenen experimentellen und teilweise klinischen Studien untersucht.

Die Römische Kamille zeigt ebenfalls interessante Forschungsergebnisse. Untersucht wurden unter anderem antioxidative, antimikrobielle und entzündungsbezogene Eigenschaften sowie Effekte auf bestimmte Insekten und Milben. Darüber hinaus gibt es Untersuchungen zu schmerzbezogenen und neurologischen Fragestellungen, die überwiegend aus präklinischen Modellen stammen.

Ein großer Teil der Forschung zu beiden Kamillenölen findet allerdings unter Laborbedingungen oder im Tiermodell statt. Solche Untersuchungen sind wichtig, um mögliche biologische Mechanismen und interessante Inhaltsstoffe zu identifizieren. Sie können jedoch nicht automatisch auf eine entsprechende Wirkung bei der Anwendung am Menschen übertragen werden.

Auch bei vorhandenen Humanstudien ist eine genaue Betrachtung des jeweiligen Präparats notwendig. Nicht jede Untersuchung verwendet ausschließlich ätherisches Öl; teilweise kommen Kamillenextrakte oder andere Zubereitungen zum Einsatz. Deshalb sollten Aussagen über die Eigenschaften von Kamillenöl immer im Zusammenhang mit der jeweiligen Kamillenart, der Zusammensetzung und dem verwendeten Studiendesign betrachtet werden.

Insgesamt bietet die Forschung zu Römischer und Echter Kamille zahlreiche interessante Ansatzpunkte – von der Untersuchung einzelner Inhaltsstoffe bis hin zu möglichen Anwendungen in Aromatherapie, Kosmetik, Lebensmittel- und Pflanzenschutzforschung. Die bisherige Studienlage liefert dabei zahlreiche Hinweise auf biologische Aktivitäten, ist je nach Forschungsbereich jedoch unterschiedlich umfangreich und aussagekräftig.

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